Die Amtszeit von Oberbürgermeister Christian Ude endete nach über 20 Jahren am 30. April 2014.

Es können keine neue Fragen mehr gestellt oder bewertet werden. Bisherige Anfragen und Antworten sind weiterhin sichtbar.

Beantwortet
Autor Markus Weber am 11. Mai 2009
20189 Leser · 114 Stimmen (-38 / +76) · 0 Kommentare

Gesellschaft und Soziales

Stolpersteine

Sehr geehrter Herr Ude,

ich habe im Fernsehen gesehen, dass in Ihrer Stadt "Stolpersteine" für deportierte Juden nicht zugelassen werden! Ich möchte gerne wissen, ob dies daran liegt, dass Münchner nicht auf die Verbrechen, die in ihrer Stadt verübt wurden, hingewiesen werden sollen, um eine "heile Welt" aufrecht zu erhalten, oder weil zu viele Stolpersteine aufgestellt werden müßten?

Vielen Dank für Ihre Antwort
M. Weber

+38

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
von Christian Ude am 18. Juni 2009
Christian Ude

Sehr geehrter Herr Weber,

die Unterstellung, die Stadt München wolle sich nicht ihrer Vergangenheit als Hauptstadt der Bewegung stellen und nicht auf die hier begangenen nationalsozialistischen Verbrechen hinweisen, ist abwegig. In meiner Amtszeit wurde das größte jüdische Projekt Europas realisiert, die Synagoge auf dem St. Jakobsplatz mit dem „Gang der Erinnerung“ zwischen Synagoge und Gemeindezentrum, in dem sämtliche Münchner Opfer des Holocaust aufgeführt sind. Ebenso die Dauerausstellung über den Nationalsozialismus in München, die im Stadtmuseum gezeigt wird. Mit einer Gedenktafel im Alten Rathaus wird auf den Auftakt der verbrecherischen Reichspogromnacht in diesem Gebäude hingewiesen, mit einer Gedenkstätte im Neuen Rathaus auf das Verbrechen der Deportation.

Der Platz der Opfer des Nationalsozialismus in der Innenstadt, in der Nachbarschaft der früheren Gestapo-Zentrale, wird zur Zeit neu gestaltet, um einen würdigeren Rahmen für das Gedenken an die Opfer des NS-Regimes zu bieten. Auf meine Initiative wurde auf diesem Platz auch eine Gedenktafel für die Sinti und Roma, die dem nationalsozialistischen Verbrecherregime zum Opfer fielen, geschaffen.

Auf Initiative der Stadt München wird derzeit auf dem Gelände des früheren Braunen Hauses gemeinsam mit dem Freistaat Bayern und dem Bund das NS-Dokumentationszentrum realisiert. Insgesamt gibt es in München eine dreistellige Zahl von Gedenktafeln und Gedenkorten, die auf Verbrechen des NS-Regimes hinweisen. Mit besonderen Aktionen wird die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Vergangenheit auch in den einzelnen Stadtteilen gefördert. Viele Platz-, Straßen- und Schulbenennungen erinnern an Opfer des Nationalsozialismus. Mir ist schwer verständlich, dass Ihnen all dies nicht bekannt ist.

Der Münchner Stadtrat hat die Aktion Stolpersteine am 16. Juni 2004 mit einer überwältigen-den Mehrheit abgelehnt. Diese ablehnende Haltung wurde wie folgt begründet

- Der Stadtrat will der Holocaust-Opfer an herausgehobener Stelle gedenken und nicht im Straßenschmutz. Über die Stolpersteine geht der Alltagsverkehr im Wortsinn tagtäglich hinweg. Der Stadtrat will keine Form des Gedenkens, die im Alltag mit Füßen getreten
wird.

- Der Stadtrat will sämtlicher Opfer gedenken und nicht einiger weniger. Die Stolpersteine hingegen greifen von Tausenden Opfern in München nur einige Dutzend oder bestenfalls einige Hundert heraus.

- Der Stadtrat will grundsätzlich sicherstellen, dass Gedenkstätten im öffentlichen Raum niemanden von den Betroffenen in seinen Gefühlen verletzen. Bei den Stolpersteinen ist definitiv bekannt, dass viele jüdische Menschen sie als unangemessene Würdigung im
Straßenschmutz und herabsetzende Form des Gedenkens empfinden.

- Der Stadtrat verfolgt seit Jahren das Ziel, gerade das Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltverbrechen im demokratischen Konsens zu gestalten, wie es bei verschiedenen hier in München verwirklichten Projekten auch bereits gelungen ist.

Im Übrigen teilen auch die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Frau Charlotte Knobloch, sowie die Israelitische Kultusgemeinde München die Haltung des Münchner Stadtrats.

Mit freundlichen Grüßen